DER ERSTE WETTBEWERBER

Nicht lange nach Tschernobyl, und damit auch nach meinem großen Messeerfolg, sah ich mich nach größeren Produktionsräumen um und fand sie in einem kleinen Ort mit vielleicht 700 Einwohnern im bayerischen Landkreis Landsberg. Nicht ohne Stolz weihte ich dort meine erste Abfüllmaschine ein und heuerte zudem meine ersten Angestellten an.

Bald meldete sich das Gewerbeamt, um nach dem Rechten zu sehen. Der Beamte mit seinem prüfenden Blick schien zufrieden und zudem in Plauderlaune zu sein: er berichtete mir von einer einzigen Konkurrenz im Landkreis: und die befände sich, kaum zu glauben, aber wahr, im selben kleinen Ort wie ich. Es sei ein Unternehmer mit einer Naturkosmetikfirma, der gerade groß investiert habe. Niemand im Ort wusste anscheinend davon. Natürlich war ich neugierig, entlockte dem Beamten Adresse und Telefonnummer meines Konkurrenten. Der saß mit seiner Firma ganz unscheinbar in einer ehemaligen Bierlagerhalle am anderen Ende des Ortes. Ich rief ihn an und bekam sofort eine Einladung. Und wer empfängt mich da in dem Büro neben der Bierhalle? Ein Inder mit Turban, der radebrechend Deutsch spricht und mich mit französischem Champagner empfängt.

Ich war schwer beeindruckt von seiner Ausstattung: da standen hochprofessionelle, nagelneue Abfüllanlagen, in Reih und Glied warteten die Glasfläschchen auf ihre Befüllung, alles blitzeblank. Ich wunderte mich, dass dort niemand arbeitete, und erfuhr, dass hier nur etwa einmal im Monat produziert wird. "Du Gebhardt" sagte er immer wieder, wenn er einen Satz anfing. Aus dem Himalaya hatte er eine Haarmittel-Rezeptur mitgebracht, die dafür notwendigen pflanzlichen Rohstoffe in seinem Lager waren einwandfrei. Um die Qualität zu demonstrieren, nahm er seinen Turban ab. Die Haare darunter reichten ihm bis zum Knie.

Fachsimpelnd verbrachten wir einen netten Nachmittag, zum Abschied wünschte ich meinem Gastgeber viel Glück. Eine Woche später klingelte das Telefon: Mein Inder rief aufgeregt an und bat mich um Hilfe. Was war geschehen? Er hatte einen Auftrag, wusste aber dummerweise nicht, wie seine Abfüll-Maschinen funktionierten. Ob er bei mir abfüllen dürfe, wollte er wissen. Ich lud ihn ein, auch bei mir gibt es ja Tage, an denen nichts los ist im Labor, je nachdem, wie der Mond läuft.

Er kreuzte höchstpersönlich auf, mit Turban und Kaftan und füllte seine Haarwässer bei mir ab. Ich war ihm behilflich, er wiederum half mir gelegentlich mit Rohstoffen aus, dann zum Beispiel, wenn das Olivenöl nicht rechtzeitig bei mir eingetroffen war. Wir hatten einfach viel Spaß miteinander: Ein Inder als einziger Konkurrent in einem winzigen urbayrischen Bilderbuchort, wer hätte das gedacht!