ERIKA'S MUTTERSCHUTZ

Anfang der Neunziger, wir waren gerade in unsere neuen Räume nach Rott-Pessenhausen umgezogen, bot ich Erika, die schon jahrelang bei mir in der Herstellung angestellt war, die Position "Produktionsleitung" an. Sie war die ideale Mitarbeiterin. Nie krank, immer zuverlässig, supergenau, beliebt im Laborteam. Den schlimmsten Stress hielt sie aus, ohne dass er ihr anzusehen war. Endlich konnte ich auch mal wegfahren mit dem Wissen: Alles wird bestens laufen!

Nach vier Jahren Zusatzbelastung als Architektin und Bauhelferin am Umbau meines über 800 Jahre alten Bauernhofes war jetzt der Zeitpunkt gekommen, mal auszuatmen. Ein ideales Timing auch, um schwanger zu werden. Nachdem das Ergebnis feststand, nahm ich eine 4-monatige "Auszeit", besuchte noch einmal alle meine Rohstoffprojekte weltweit.

Dem Baby oder auch dem Kleinkind wollte ich so anstrengende Reisen nicht zumuten. Kurz vor meiner Abreise, ich war Ende des dritten Monates, gestand ich meinen Mitarbeitern die Schwangerschaft. Alle freuten sich, meinten, dies sei der bestmögliche Zeitpunkt für mich, oder besser: höchste Zeit, da ich bereits 36 war. Nur Erika schaute bei dieser Botschaft etwas blass und betreten aus - schnell erfuhr ich, dass auch sie schwanger sei, im zweiten Monat.

Nun, sie solle sich keine Sorgen machen, das schaukeln wir doch mit links! Dachte ich und sagte es vielleicht auch. Einen Tag, nachdem Erika in den gesetzlichen Mutterschutz gegangen war, wurde mein Sohn per Kaiserschnitt geboren. Eine Woche war ich im Krankenhaus. Die Produktion stand still, auch noch eine weitere Woche, ans Laufen konnte ich noch gar nicht denken. Als die dritte Woche anbrach und wir kaum mehr Ware auf Lager hatten, schleppte ich mich mit allen möglichen, um den Bauch gewickelten Stützen ins Labor. Mein Sohn schlummerte im Kinderwagen vor der Labortüre. 

Früher hatte ich mich über diese Arbeitgeber-unfreundlichen Maßnahmen des Mutterschutzes mokiert, und jetzt durfte ich am eigenen Leibe erfahren, wie sich das für eine Mutter anfühlt. Als Chefin steht man eben auch mal frischoperiert im Labor, obgleich es ganz schön heftig war! Wie gut mir und meinem Sohn doch ein Mutterschutz getan hätte. Zum Glück hatte Erika eine Spontan-Geburt, und als motivierte Mitarbeiterin stand sie bald wieder im Labor. Diese Geschichte erzähle ich immer wieder gerne!