KINDER–ETIKETTEN

Bis 1989 arbeiteten wir beim Versand mit simplen, schwarz-weißen Zweckform-Adressetiketten. Nicht nur unsere Produktbezeichnung zierte das Etikett, sondern auch die Skizze einer Rose oder Salbeipflanze, je nachdem, um welches Produkt es ging. Irgendwann kam meine Nachbarin mit einem lustigen Vorschlag bei mir vorbei: ob nicht ihre drei Kinder ein bisschen Farbe auf die Etiketten bringen und die Blümchen mit Buntstiften ausmalen könnten? Für ein kleines Extra Taschengeld würden sie das gern tun. Mir gefiel die Idee, zunächst aber bat ich die Nachbarin, sie nicht an die große Glocke zu hängen: Kinderarbeit bringt den Auftraggeber schneller ins Gefängnis als ihm lieb ist ...

So standen die drei Stöpsel bald vor der Tür, schleppten wenig später die bunt bemalten Bögen an und nahmen gleich neue mit. Durch rasch ansteigende Bestellungen erhöhte sich auch der Etikettenbedarf, und ich wunderte mich mehr und mehr, wie die Kinder überhaupt mit der Arbeit nachkamen. Eines Tages wollte ich sie für ihren Fleiß belohnen: ich versprach ihnen eine Einladung zum Eis, wenn sie das nächste Mal die Etiketten brächten. Eine Woche später klingelte es an der Türe, eine Schar von 20 Kindern stand draußen und winkte mit den bemalten Kunstwerken!

Ich staunte nicht schlecht. Wo kamen die denn alle her? Das Eis musste eine Mitarbeiterin im nächsten Ort auftreiben, den Bedarf hätten wir nicht decken können. Nachdem der clevere Unterhandel der drei Maltalente ans Tageslicht gekommen war, wurden sie dummerweise ihren Job bald wieder los. Mir war doch etwas mulmig geworden, von wegen der Kinderarbeit und so vielen Mitwissern. Wenig später gab es bei uns ordentliche, in der Druckerei gefertigte Etiketten.