TSCHERNOBYL UND DIE MESSE

Drei Tage zuvor hatte der Fallout in Tschernobyl die Welt erschüttert, und wir in Bayern waren ja besonders stark davon betroffen. Schon während des Standaufbaus hörte man immer wieder Durchsagen: eine Art Sonderausstellung im Eingangsbereich präsentierte jene Produkte, die angeblich gegen radioaktive Strahlung helfen. Es war schon sehr verwunderlich, wie viele Aussteller da mitmischten, im Nu war die Fläche gerappelt voll.

Die Messe eröffnete, und mein Stand mit den magischen Apfelblütenzweigen zog viele Besucher an. Darunter auch eine Journalistin der Zeitschrift Natur. Eigentlich wollte sie nur an den Blüten schnuppern, doch dann blieb sie an meinen aufgereihten Tiegelchen hängen.

Warum meine Ginseng-Produkte nicht auf der Sonderausstellung zu finden seien, fragte sie mich, sie habe dort Ginseng-Tee gesehen, von dem die Aussteller behaupteten, er könne helfen. Mir (und auch der Journalistin) war neu, dass Ginseng gegen Radioaktivität therapeutisch wirken könnte, wir beide staunten nicht schlecht über all das angebliche Wissen - niemand hatte doch Erfahrung, dieser Fallout war für alle ja etwas ganz Neues. Ihr gefiel anscheinend meine Ehrlichkeit, jedenfalls ließ sie sich Zeit und ich erklärte ihr meine Produkte. Dass ich keinerlei Konservierungsmittel verwende und nach dem Verlauf des Mondes herstelle, um die Haltbarkeit natürlich zu beeinflussen, begeisterte sie. Sie versprach, ein Interview mit mir zu führen, um es in einen Artikel über die Schädlichkeit von Konservierungsmitteln in der Kosmetik einfließen zu lassen. Und in der Tat: nach der Messe kam sie mit einem größeren Auftrag im Gepäck: sie sollte ca. 20 weitere, eher konventionelle, aber sehr bekannten Marken auf Konservierungsmittel testen. 


Das Ergebnis fiel überwältigend gut aus für meine Produkte, und so war auch ihr ausführlicher Artikel. Nach Veröffentlichung desselben im Sommer 1986 kam eine Flut von Anfragen auf mich zu, vor allem die damals aus dem Boden schießenden Naturkostläden wollten meine Produkte bestellen. Die Entscheidung war gefallen, ob ich künftig "in" Kosmetik oder Architektur machen werde. Später konnte mir sogar ein eigenes Architekturbüro leisten und brauchte nur die Aufträge anzunehmen die mir wirklich Spaß machten - wenn meine Zeit es zuließ.